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Die Katastrophe um Tabernero

Mir war übel an dem Abend. Fürchterlich übel. Ich konnte nicht mehr mit Pauline rausgehen. Ich musste mich hinlegen. Später fragte ich mich ob es Absicht war. Waren wir so tief miteinander verbunden, dass ich spürte was mit ihm los war?

Olaf schnappte sich den Hund und fuhr los. Er fuhr zur Weide, auf der im Sommer meine Pferde Tag und Nacht draußen standen. Da ging mein Handy. „Du musst kommen, Tabernero blutet ganz doll am Bein. Du musst bestimmt den Tierarzt angerufen.“ ‚Ja ja‘ dachte ich nur ‚ich muss bestimmt nicht gleich den Tierarzt rufen. Der übertreibt doch wieder maßlos‘ Ich war genervt. ‚Das seh ich mir erst mal selber an!‘

Ich zog mir die schwarze Strechjeans an, warf mir den Pullover über und wollte gerade den Autoschlüssel schnappen, da klingelte es wieder. „Ich bin doch schon auf dem Weg,“ hörte ich mich gereizt sagen. Doch dann, was war das? Ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung. „Ich glaube er hat sich das Bein gebrochen!“ Stille! Schluchzen. „Ich komme!“ ‚Das Bein gebrochen‘ dachte ich. So leicht bricht kein Bein. Doch irgendetwas in mir wusste, dass er dieses mal nicht übertrieben hatte. Ich rief die Tierärztin an und bat sie so schnell wie möglich zu kommen. Ich fuhr wie in Trance zur Weide. Es war dunkel und es regnete in Strömen. Es regnete schon seit Tagen. Der Boden war aufgeweicht und glitschig.

 

Als ich ankam sah ich meinen Mann bei meinem Pferd stehen. Ich hatte fünf Pferde. Aber Tabernero war mein Seelenpferd. Ich hatte ihn gesehen und nachts von ihm geräumt. Von dem Moment an wusste ich, dass wir zusammen gehören. Ich wusste damals nicht wovon ich ihn bezahlen sollte und auch nicht wo ich ihn hinstellen sollte. Meine Pferdeboxen die ich zur Verfügung hatte waren alle besetzt. Doch ich musste ihn haben. Entgegen jeglicher Vernunft.  Er wurde mir vom Himmel geschickt und vom Himmel wieder genommen. 

Ich ging auf die beiden zu. Olaf stand nur da und weinte. Er war gar nicht so sehr verbunden mit den Pferden, vor allem nicht so wie ich. Aber er wusste um meine grenzenlose Liebe, besonders zu dem elfenbeinfarbenen Pferd. 

Und nun stand er da, völlig hilflos und verzweifelt. Ich sah Tabernero an und sah wie das purpurrote Blut sein weißes Vorderbein herunter lief. Ich fasste an den oberen Teil des Beines und hob es vorsichtig an. Der Unterschenkel baumelte wie ein Lämmerschwanz herunter. Da erst wusste ich dass es die grausame Wahrheit war. Tränen schossen mir in die Augen. „ Du musst den Anhänger holen. Wir müssen ihn in die Klinik bringen. Und bring ein Halfter mit!“ Sagte ich monoton zu meinem Mann. 

Olaf folgte gehorsam wie ein Soldat. Er wagte nicht zu widersprechen. 

Als er weg war wurde es mir plötzlich bewusst: „wir würden nirgends mehr hinfahren, wie soll er auf drei Beinen in den Hänger steigen?“ Jetzt erst konnte ich weinen. Jetzt erst, als ich dort mit meinem Seelenfreund alleine war liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich schluchzte. Ich fühlte mich so verlassen und hilflos. Warum er? Warum Tabernero. Gott warum hast du ihn mir erst gegeben wenn du ihn mir wieder wegnimmst. Verdammt noch mal, was habe ich denn getan?

Tabernero wurde unruhig.

Mein Pferd, mein geliebtes Pferd konnte meine Verzweiflung nicht aushalten. Wie auch? Er musste Höllenqualen von Schmerzen aushalten. Wie sollte er da auch noch meine Pein aushalten? 

Er ertrug es nicht mich so traurig zu sehen und wendete sich von mir ab. Er versuchte tatsächlich mit dem gebrochenen Bein von mir wegzugehen. „Ich höre auf zu weinen. Bitte bleib. Ich höre schon auf.“ Wie auf Knopfdruck stellte ich das Weinen ein. Ich hatte solche Angst dass er sich noch mehr verletzte. 

Wir standen da, im strömenden Regen und warteten. Wir warteten auf die letzte Hoffnung obwohl ich im tiefsten Inneren meines Herzens wusste, dass es keine Hoffnung mehr gab. Es gab keine gemeinsame Zukunft mehr für uns. Als die Tierärztin endlich eintraf und ich sie fragte ob es Hoffnung gibt, schüttelte sie nur den Kopf. „ An dieser Stelle nicht. Es ist ein offener Bruch. Ich hole die Spritze. Alles war tot in mir. Kein Gefühl mehr da. Eine absolute Leere breitete sich in mir aus. Ich funktionierte nur noch. Ein Roboter unter Menschen und Pferden. 

Olaf war inzwischen wieder da. Den Anhänger benötigten wir natürlich nicht. Das Halfter legte ich Tabernero mechanisch an. 

Mein verzweifelter Mann weinte immer noch . Er wusste wie sehr ich dieses perlmuttfarbene Pferd mit den grünen Augen liebte. Er weinte für mich mit. Ich fühlte nur noch eisige Kälte neben dieser unendlichen Leere. 

Als die Veterinärin mit der Spritze kam, kamen auch die anderen Pferde. Sie stellten sich kreisförmig um Tabernero herum. Olaf wollte sie zunächst verscheuchen. „Lass sie!“ sagte ich. „ Sie kommen um sich zu verabschieden.“ In ruhigem Einvernehmen standen sie da, während mein kleines Einhorn über die Regenbogenbrücke ging. Es geschah alles ganz ruhig. 

 

Sie blieben bis Tabernero eingeschlafen und hinüber gewandert war. Dann verließen sie langsam ihren Freund und ließen uns Menschen allein dort stehen. 

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